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Neun Stationen
Momentaufnahmen aus der Bremer Nervenklinik im Jahre 1952

Wir schreiben das Jahr 1952. Die Bremer Nervenklinik erholt sich nur langsam von den dramatischen Folgen des Zweiten Weltkrieges und dem dunklen Kapitel der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik. Die Hypothek hunderter unter dem Deckmantel der "Euthanasie" ermordeter ehemaliger Patienten und Patientinnen lastet schwer auf der durch Kriegseinwirkungen stark zerstörten Klinik und ihrer Bewohner. Das Klima in der Mitarbeiterschaft ist gespannt, denn die Auseinandersetzung unter den gespaltenen politischen Lagern ehemaliger Nazis und entlassener Linker wird durch die Entnazifizierung der Alliierten angeheizt. Auf der Tagesordnung steht die Wiedergutmachung der Verfolgten und die politische Entlastung ehemaliger Mittäter durch "Persilscheine".

Der von den Amerikanern eingesetzte neue Chef der Bremer Nervenklinik strebt nach dem Vorbild der angelsächsischen Mental Health Bewegung eine moderne psychiatrisch-neurologische Klinik an, die bald mit ihren zahlreichen Neugründungen aus der Landschaft der deutschen Landeskrankenhäuser herausragen wird. Die in Außenhäusern ausgelagerte Langzeitpsychiatrie tritt über Jahre genauso in den Hintergrund wie die Beschäftigung mit den verdrängten nationalsozialistischen Psychiatrie- und Medizinverbrechen.

Die ausgestellten neun Momentaufnahmen aus dem Jahre 1952 bilden ein facettenreiches Zeitpanorama ab, das die gesellschaftliche Umbruchssituation einer traditionsreichen bremischen Wohlfahrtsinstitution festhält. Die Einführung des EEG, der Beginn der Suchttherapie alkoholkranker Menschen, innovative Verfahren in der Kinderpsychotherapie und die Markteinführung der Psychopharmaka gingen einher mit dem Festhalten an alt hergebrachten Pflegeroutinen und bestehenden Vorurteilen gegenüber Fremdem und Menschen mit psychischen Erkrankungen. Verstrickungen in nationalsozialistische Verbrechen wurden bagatellisiert. Vorherrschend war der Wunsch nach angepasster Normalität, in der es galt, bloß nicht aufzufallen.
Die Präsentation Neun Stationen verbindet medizin-und zeithistorische Themen mit einer künstlerischen Position und lädt dazu ein, sich auf ungewöhnliche und überraschende Weise mit Bekanntem und Unbekanntem auseinanderzusetzen. Die Gemeinschaftsausstellung des Krankenhaus-Museums und der Galerie im Park ist in Zusammenarbeit mit der Kulturwissenschaftlerin Gerda Engelbracht und dem Künstler Alexander Steig entstanden.

Gerda Engelbracht hat, basierend auf ihrer Publikation Von der Nervenklinik zum Zentralkrankenhaus BremenOst (Bremen 2004), die 1950er Jahre genauer unter die wissenschaftliche Lupe genommen, und ist für das Stichiahr der Ausstellung - 1952 - fündig geworden. Die überraschenden Ergebnisse ihrer Recherche hat sie in kurzen Textbeiträgen dokumentiert und zusammen mit der Auswahl der Exponate die wissenschaftliche Grundlage der Präsentation geliefert.
Die Ausstellung zeigt ausschließlich originale Dokumente und Objekte. Die Präsentation beschränkt sich darauf, diese stummen, zum Teil seltenen Zeitzeugnisse, zum Wirken zu bringen und beim Betrachter ambivalente Stimmungen, Gefühle und Gedanken.

Achim Tischer, Krankenhaus-Museum Bremen

Der künstlerische Blick auf historische Momentaufnahmen

Den in München lebenden Künstler Alexander Steig interessieren jene Ausdrucksformen, die sich als Installation, Environment und reale oder medial vermittelte Aktion äußern und die mit transitorischen Erscheinungsformen innerhalb statischer Rahmen operieren.

Dabei bedient er sich formal gesehen dem so genannten "closed-circuit"Prinzip, dessen Grundlage das besondere Verhältnis der Gleichzeitigkeit von Realität und Abbild ist. Eine solche Anordnung beschreibt eine geschlossene Abbildungssituation, bei der das Aufnahmemedium (die Kamera) direkt mit dem Abbildungsmedium (dem Monitor) verbunden, und der Abbildungsgegenstand durch die Live-Übertragung signifikanter Teil der Installation ist. Steig entwickelt seine Installationen zumeist vor dem Hintergrund architektonischer, historischer und/oder sozialer Vorgaben, wobei es ihm gelingt, eine Symbiose von dem Ausstellungsort, und eigener künstlerischer Intervention herzustellen. Vor diesem Hintergrund erarbeitete Steig ein künstlerisch basiertes Konzept zur Präsentation und Transformation historischer Objekte, welche die inhaltliche Basis der Ausstellung "Neun Stationen" bilden.

Neben einer Video- und zwei Audioinstallationen werden sechs Objekte im Sinne des "c1osed-circuit" transformiert und somit in einem zunächst befremdlichen, unbekannten und irritierenden Blickwinkel vorgestellt. Diese Betrachtungsweise impliziert eine Metaebene des Objektes vor deren Hintergrund in einer zweiten Begegnung - nämlich dem realen historischen Ausstellungsstück - eine Sensibilisierung stattfinden kann. Die enge Verschränkung von bildender Kunst und historischen Fakten lässt den Betrachter durch neue Wahrnehmungsformen andere Denkansätze erleben. Das historische Gut erfährt neben seines inhaltlichen Symbolgehaltes als Reverenz der 50er Jahre eine weiterführende Befragung durch den Künstler, dem es gelingt den verhandelten Inhalten eine für seine Fragestellungen relevantes Erscheinungsbild zu verleihen.

Alexander Steig, der bereits 2004 seine interaktive Videoinszenierung "Sondervorführung" für die Räume der Galerie entwickelte und den Ort auf dem Gelände des Klinikums dabei sehr intensiv kennen gelernt hat, setzt sich nun zum zweiten Mal dieser Begegnung aus und erarbeitete gemeinsam mit der Leitung des Krankenhaus-Museums und der Galerie ein ungewöhnliches aber eindringliches Ausstellungskonzept, welches Gattungsgrenzen überschreitet und dabei sowohl historisch als auch künstlerisch interessierte Besucher bereichern kann.

Susanne Hinrichs, Galerie im Park, Bremen

(Katalog Neun Stationen - Momentaufnahmen aus der Bremer Nervenklinik im Jahre 1952, 2006, Bremen)

 

Station 1: Zeitreise (Echtzeitübertragung) / Arbeitsalltag in der Anstalt

Zeitreise (Echtzeitübertragung)
2teilige Video- und Audioinszenierung (Closed-Circuit und Audio-Loop)

In der Station 1b, die sich rechts am Saalende hinter der Wand befindet, ist die "Szene" des Fotos nachempfunden. Das Bild selbst steht gerahmt auf dem Radio. Es zeigt Schwester Edith mit zwei Freundinnen auf ihrem Schwesternzimmer.
Aus dem Radio erklingt eine Frauenstimme; gelesen wird ein Brief von Schwester Edith Windelbroth aus dem Jahr 1952, in dem sie über den Arbeitsalltag in der Nervenklinik spricht. Eine Videokamera auf Stativ fokussiert die reale Uhr auf dem Tisch. An der Wand findet sich der original Arbeitsvertrag der Schwester. Die Projektion des Ziffernblattes findet sich auf einen S/W-Monitor auf dem Empfangsthresen des Hauses.

Arbeitsalltag in der Anstalt

9. Januar 1952: Fräulein Edith Windelbroth unterschreibt ihren Arbeitsvertrag als Pflegerin in der Bremer Nervenklinik

HINTERGRUND: In den psychiatrischen Anstalten der 1950er Jahre sind die Arbeits- und Lebensbedingungen von Schwestern und Pflegern - wie schon seit Jahrzehnten - geprägt durch ein pedantisches hierarchisches System, die ungeregelte Ausbildung, die strenge Reglementierung der jungen Schwestern und Pfleger, bescheidene Wohnverhältnisse, unverhältnismäßig lange Arbeitszeiten und schlechte Bezahlung. Mit dem Beruf verbindet sich häufig ein negatives gesellschaftliches Image, das weniger an Heilen und Pflegen als an Einschließen, Bewachen und Züchtigen denken lässt. Edith Bädje, geb. Windelboth, erinnert sich fünfzig Jahre später: "Am 1. Januar 1952 bin ich angefangen. Ja, am Neujahrstag 1952 in Haus 2. Da kam ich an mit einem braunen Pepitakleid. Die Nähstube war an diesem Tag ja nicht besetzt und so hat man mir eine weiße Schürze gegeben. Schwester Therese hat mich dann in den Wachsaal hineingeführt und als ich da hineinkomme, stehen die Patienten vor den Waschbecken, große, kräftige, unten nackig. Ich hab doch nie vorher einen nackten Menschen gesehen. Oh, Gott! Diesen Moment, den vergesse ich nicht. Dieses Bild habe ich immer vor mir. Gewohnt habe ich in Haus 5. Wir waren zu dritt, das war ein wunderschönes Zimmer. Wir hatten feste Zeiten wann wir im Zimmer sein mussten. Und wenn wir später kamen, machte die Oberin die Tür auf und dann hieß es: "Wo kommen Sie denn her?" Ja, man musste immer pünktlich sein. Von halb sieben morgens bis abends sieben haben wir gearbeitet und dann kam der Nachtdienst. Zu Anfang war ich ein halbes Jahr in Haus 2, dann ein halbes Jahr in Haus 3. Das war ja so üblich, man musste ja die Runde machen.In Haus 3 haben wir noch den großen Wachsaal gehabt mit einem langen, großen Tisch. Der war so schwer, dass man ihn nicht wegtragen konnte. Die Patientinnen haben auch daran gegessen. Im Wachsaal von Haus 3 waren ja die Unruhigen. Das war schon ganz schön gefährlich, manchmal. Eine Patientin ist mal mit dem Bohnerklotz auf mich losgegangen."

 

Station 2: Geist II / Der Hirnspiegel

Geist II
Videoinszenierung (Closed-Circuit)

In der Ecke der Sation ist ein ca. 20 cm. hohes Podest diagonal an die Wand angepasst. Auf dem Monitor ist das schwarzweiße Bild eines (des) EEG bzw. des Behandlungsstuhls zu sehen. Auf den Bildschirm ist eine Figur mit schwarzem Stift als Umrisszeichnung gemalt; es scheint als säße sie angeschlossen ans Gerät. Umgeht man die Wand findet sich in der linken Ecke das entsprechende Gerät (ohne Person). Oberhalb befindet sich die Kamera, die das Bild zum Monitor überträgt.

Der Hirnspiegel

Sommer 1952: EEG-Gerät der Münchener Firma Schwarzer zum Preis von etwa 22.000 DM erhältlich

HINTERGRUND: 1924 gelingt es dem Jenaer Psychiater und Neurologen Hans Berger ein - wie er es damals nannte _ "Elektrenkephalogramm" abzuleiten und damit den Verlauf der Hirnaktionsströme grafisch aufzuzeichnen. Die außerordentliche Bedeutung dieser Er findung erkennt man in den vierziger Jahren; im klinischen Bereich werden entsprechende Geräte erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt. Neben der Diagnose von Schädelhirnverletzungen, Hirntumoren, -blutungen und Kopfschmerzzuständen findet das Elektroenzephalogramm (EEG) insbesondere bei der diagnostischen Klärung von Anfallsleiden Verwendung und avanciert in der Folgezeit zu einer der wichtigsten Standardmethoden der Neurologie. Mit Hilfe des Hirnstrombildes ist es nun möglich, äußerlich nicht erkennbare epileptische Anfälle nachzuweisen, aber auch umgekehrt, vermeintlich epileptische Anfallsleiden auf hirnorganische Erkrankungen zurückzuführen.

 

Station 3: o.T. (Heil) / Der frontale Griff ins Hirn

o. T. (Heil)
Audioinszenierung (Audioloop)

Das Leukotom (skalpellähnliches Instrument mit 9 cm langer Doppelklinge, darauf Milimeterangaben) befindet sich in der Vitrine. Es liegt auf schwarzem Samt - in Anlehnung an museale Präsentationsformen kostbarer Exponate. Aus dem kleinen S/W-Fernseher daneben, der auf einem weißen Sockel steht, ertönt der Text von Herrn Dr. Aebert, in dem er den eingriff der Leukotomie erörtert. Es ist kein Bild zu sehen, der Bildschirm bleibt schwarz.

Der frontale Griff ins Gehirn

31.3.1952: In der Neurochirurgischen Klinik auf dem Gelände der Bremer Nervenklinik wird eine Hirnoperation durchgeführt. "Diagnose: Leukotomie bei schizophrenen Unruhezuständen."

HINTERGRUND: Häufig hatten Ärzte festgestellt, dass Schussverletzungen und Hirntumor-Operationen, bei denen der Stirnlappen des Gehirns zerstört wird, zu Persönlichkeitsveränderungen, Veränderungen der Urteilskraft, der sozialen Anpassungsfähigkeit und Steuerung der Emotionen führen. Egas Moniz (1875-1955), Professor für Physiologie an der Universität Lissabon, leitete daraus die Theorie ab, krankhafte psychische Zustände könnten gemildert werden, wenn man die Verbindung zwischen den Stirnlappen und dem übrigen Gehirn trenne. 1935 führte er erstmalig eine psychochirurgische Operation - eine Leukotomie - an einer Psychiatriepatientin durch. In Deutschland wird ein psychochirurgischer Eingriff erstmals im September 1946 durchgeführt. Auch in der Bremer Nervenklinik kommt die invasivste "Therapie"-Methode der Psychiatrie zum Einsatz: zwischen 1951 und 1961 werden mindestens 48 Frauen und Männer mit dieser gefährlichen wie persönlichkeitsverändernden Operation "behandelt". Mindestens drei Bremer Patienten sterben an den Operationsfolgen. Egas Moniz wird 1949 für die Entwicklung der Leukotomie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

 

Station 4: Haunted House (Fernsehzimmer) / Bürgerwehr gegen "geisteskranke Triebtäter"

Haunted House (Fernsehzimmer)
Videoinstallation (Video-Loop)

Geht man vom Foyer aus in den kleinen Saal links um die Ecke, sieht man zwei Sessel vor einem Fernsehtisch stehen. Darauf ein großer Farbfernseher; man sieht in einer statischen Einstellung das Haus Hohenkamp, die Blätter der Bäume rauschen und die Vögel zwitschern. Darüber der gesprochene Text (Brief der Anwälte). Man kann auf den Sesseln Platz nehmen, und die "Idylle" betrachten und den Text hören. Die Fenster des Raumes sind unverstellt. Rechts an der Wand: das Schreiben der Anwälte.

Bürgerwehr gegen "geisteskranke Triebtäter"

11. Dezember 1952: Der Bremer Gesundheitssenator Johann Degener erhält einen Brief. Empört reagiert ein Bremer Bürger auf die Pläne, im großbürgerlichen Ortsteil Oberneuland eine Außensteile der Bremer Nervenklinik einzurichten. U. a. weist er darauf hin, dass Kinder schon allein durch das "Erscheinen solcher bedauernswerter Menschen" in ihrem seelischen Wohlbefinden gefährdet seien, eine "Gefahr unsittlicher Übergriffe" nicht ausgeschlossen werden könne und darüber hinaus eine Wertminderung des Besitzes um "mindestens 30 - 40%" zu erwarten sei, wenn psychisch Kranke, "Geistesgestörte" und "Verblödete" in der Oberneulander Landstasse 27/29 einziehen. Unmissverständlich formuliert der Briefschreiber seine Schreckensvision: "Es kann die Möglichkeit bestehen, dass ein Insasse des Heims ... im Sommer mein Grundstück betritt, in 50 m stehen bleibt und die Terrasse anstiert, auf der ich ausländische Geschäftsfreunde zum Tee eingeladen habe."

HINTERGRUND: Nach Kriegsende steigt die Zahl der Neuaufnahmen in der Bremer Nervenklinik stetig an: 1946: 1189; 1948: 1786; 1950: 3062; 1952: 3640. Parallel dazu werden auf dem Klinikgelände neue Fachabteilungen eingerichtet. Der Platz für die chronisch kranken Dauerpatienten wird enger. Zwischen 1949 und 1957 werden deshalb drei Außenstationen in Bremen-Horn (Klinik Horn), Bremen-Oberneuland (Klinik Hohenkamp) und Blankenburg bei Oldenburg (Klinik Kloster Blankenburg), mit über 500 Betten, eröffnet. Allem Widerstand zum Trotz ziehen am 27. Juni 1953 die ersten 72 Patientinnen in die "Klinik Hohenkamp der Städtischen Nervenklinik Bremen" ein.

Der tief sitzende Zweifel am sozialen Wert von psychisch Kranken und Behinderten überdauerte offensichtlich das Ende der NS-Diktatur, beförderte die Auffassung, ihre Behandlung und Versorgung müsse billig zu haben sein, und lähmte so die dringendsten Belange der Krankenhauspsychiatrie. Die systematische Vernachlässigung der baulichen Anlagen zusammen mit den "skandalös niedrigen Pflegesätzen" hatte die psychiatrischen Kliniken in ganz Deutschland zu "medizinischen Armenhäusern" deklassiert.

 

Station 5: GAP / Die Geburtsstunde der modernen Psychopharmaka

GAP
Videoinszenierung (Closed-Circuit)

Geht man in den großen Saal, steht rechts in der Ecke auf einem Sockel diagonal ein kleiner Fernseher. Bildfüllend liest man GAP (engl. Spalte; Abstand, Unterbrechung; Auseinandergehen (der Ansichten)). Gegenüber des Fernsehers an der Wand liegt eine Packung des Medikamentes MEGAPHEN in einer Vitrine, daneben steht die Videokamera, die aus dem Wort MEGAPHEN die drei Buchstaben G A P fokussiert. Im Hintergrund hört bereits man Schlagermusik (von 1952, gehört zu Station 9). Rechts der Vitrine gerahmt an der Wand: die Packungsbeilage des Medikamentes.

Die Geburtsstunde der modernen Psychopharmaka

1952: In Frankreich werden von Jean Delay und seinem Schüler Pierre Deniker die ersten klinischen Studien mit Chlorpromazin veröffentlicht. Am 1. Juli 1953 erscheint Chlorpromazin unter dem Namen Megaphen (Bayer-Leverkusen) auf dem deutschen Markt.

HINTERGRUND: Das Jahr 1952 gilt als Meilenstein in der Geschichte der Psychiatrie. Die Einführung des Medikaments Chlorpromazin, in Deutschland Megaphen in die Therapie der Psychosen markiert den Beginn der psychopharmakologischen Ära. Zum ersten Mal gibt es nun ein Medikament, das über einen allgemein beruhigenden Effekt hinausgeht. Megaphen dämpft aggressives Verhalten, psychotische! Wahndenken und schizophrene Symptome. Der Einsatz von Psychopharmaka verändert das innere Bild der psychiatrischen Krankenhäuser erkennbar - durch Zurückdrängung vor allem der chronisch unruhigen Abteilungen, Verminderung der üblichen Restriktionen Förderung des Prinzips der "offenen Tür" sowie durch Verkürzung der durchschnittlichen stationären Aufenthaltsdauer. Andererseits war nun vielerorts in Folge der zum Teil übermäßigen Anwendung der Psychopharmaka nicht mehr die Unruhe auf den Stationen das Problem, sondern eine beunruhigende Ruhe de Erstarrung, Lähmung und Abstumpfung.

 

Station 6: Skyline / Stärkung des Individuums - Psychotherapie

Skyline
Audioinszenierung (Audioloop)

In dem Schrank befindet sich der Handapparat der Vorlesungen von Frau Prof. Buder aus dem Jahre 1952. Der Baustrahler strahlt ihn von unten an, so dass sich eine Silhouette hinter den Büchern an der Wand des Schranks abzeichnet. Über Kopfhörer hört man eine Sprecherin einen Brief Frau Buders vorlesen, in dem sie auf die Situation der Lehre bezüglich einen psychotherapeutischen Ansatzes zu sprechen kommt. Rechts neben dem Schrank an der Wand: das Vorlesungsverzeichnis des Semesters.

Stärkung des Individuums - Psychotherapie

15. Mai 1952: Hildegard Buder leitet ein Colloquium über Gegenwartsprobleme der Psychotherapeutischen Technik. Zeit: 20: 15 Uhr Ort: Konferenzzimmer der Nervenklinik.

HINTERGRUND: 1951 wird auf dem Gelände der Bremer Nervenklinik, die "Bremer Arbeitsgruppe für Psychotherapie e.V." gegründet. Kurz zuvor hat Heinrich Schulte, Direktor der Bremer Nervenklinik, die "behandelnde Psychologin" Hildegard Buder von Tübingen nach Bremen geholt, um in der Hansestadt die Psychotherapie einzuführen. In einer Zeit, in der die Elite der deutschen Psychiatrie nach wie vor alles tat, um ihren fachlichen Nachwuchs von der Psychoanalyse fernzuhalten, etablierten Schulte und Buder eine ebensolche Ausbildung ausgerechnet an einer psychiatrischen Klinik. Nie zuvor hatte es so etwas gegeben. Dieser Vorgang ist ein Hinweis auf den allmählich stattfindenden Paradigmenwechsel: weg von der Tradition eines naturwissenschaftlich verengten ärztlich-hierarchischen Blicks auf den Kranken als "Fall" und "Objekt", hin zu seiner Wahrnehmung und Anerkennung als "Subjekt" und "Individuum".

"Natürlich hatte die Arbeit von Frau Buder einen Einfluss", erinnert sich eine Ärztin 50 Jahre später. "Vor allem auf den Tenor in der Klinik. Man denkt nach, man sagt nicht einfach: ,Der ist verrückt!' Man fragt: Warum? Das hat es in keiner anderen Klinik zu dieser Zeit gegeben. Und man merkt ja bis heute die Tradition. Dass Schulte Frau Buder geholt hat, das hat ja ungeheure Wirkung gehabt."

 

Station 7: Portrait / Im Spiel Konflikte erlernen

Portrait
Videoinszenierung (Closed-Circuit)

Gegenüber von Station 9 sieht man die vertikale Projektion eines Portraits einer Puppe (weiblich). Dass es sich um eine Puppe oder Spielfigur handelt, ist deutlich, allein die Dimension und die Art der Projektion erinnern an ein "klassisches" Portrait. Umgeht man die Wand nach rechts, sieht man drei baugleiche Hocker und einen Stuhl um einen Tisch gruppiert. Die Hocker sind ungepolstert. Auf dem Tisch stehen die Spielfiguren- und Accessoires des sog. Scenokastens. Eine Videokamera fokussiert das Modell der Mutter (im Freizeitkleidung) und überträgt das Bild auf die andere Seite.

Im Spiel Konflikte erkennen

11. Juni 1952: Auszug aus der Krankenakte der vierjährigen Brigitte: "Brigitte spielt wieder begeistert mit den Puppen. In den Hintergrund wird ein geschlossenes Haus gebaut, daneben einige Klötze, wozwischen ein Kind gelegt wird. Daneben Stuhl und Klo. In den Vordergrund stellt sie rechts die große Wiege mit einer Puppe, die liebevoll in die Wiege gelegt wird. Dahinter Bäume und die Litfasssäule. Im Vordergrund wird aus Steinen ein Herd gebaut mit einem Kochtopf drauf, daneben der Engel. Ein Auto fährt auf der Strasse im Vordergrund. Sie erzählt dazu: ,Die Puppe in der großen Wiege heißt Ursel, die andere heißt Brigitte (Kind zwischen den Bausteinen), die kriegt kein schönes Bett, weil sie nass gemacht hat.' Dann spielt sie wieder weiter mit der ganzen Familie, stöhnt: ,Ich muss arbeiten, meine Kinder lassen mich nicht in Ruhe', aber sie singt fröhlich dabei. Dann gibt sie dem Vater den Klopfer in die Hand, guckt ihn verschmitzt an: ,Brigitte muss Haue haben, sie hat das Bett nass gemacht', und die B-Puppe wird tüchtig geschlagen. ,Nun heult sie.'"

HINTERGRUND: Anfang 1950 wird auf dem Gelände der Bremer Nervenklinik die Kinder-Beobachtungsabteilung eröffnet. Dort stehen fünfzehn Plätze für Kinder mit Verdacht auf "kindliche Neurosen" zur Verfügung. Eine wichtige Aufgabe der neuen Abteilung ist die DiagnosesteIlung, bei der das Spiel mit dem Scenobaukasten - 1938 von Gerhild von Staabs entwickelt - einen großen Stellenwert hat. Denn man ist bemüht, psychosozialen Ursachen als Grund von neurotischen Erkrankungen bei Kindern auf die Spur zu kommen.
Mit finanzieller Unterstützung der amerikanischen Besatzungsmacht eingerichtet, wird in der Kinder-Beobachtungsabteilung nach dem Vorbild der teamorientierten amerikanischen "Child Guidanse Clinics" gearbeitet. Das Team besteht aus einer Ärztin mit psychoanalytischer Vorbildung, einer Psychologin, einer Erzieherin, einer Krankenschwester, einem Pfleger und zwei Kindergärtnerinnen.

 

Station 8: Geist I / Krankheit Alkohol

Geist I
Interaktive Videoinszenierung (Closed-Circuit)

Auf einem Sockel steht eine leere Bierflasche aus den 50er Jahren. Dahinter befindet sich eine Videokamera. Sie "filmt" durch die Flasche - das Bild ist auf dem Monitor gegenüber dem Eingansbereich zu sehen; ein rotes Oval, dass sich nicht ohne Weiteres zuordnen lässt. Schreiten jedoch Personen heran oder vorbei, ändert sich das Bild. Hier sieht man, sofern jemand durch den Focus geht, diese Person verschwommen und verzerrt innerhalb des Ovals. Links der Falsche die Dokumente einer Therapie mit Antabus.

Krankheit Alkohol

September 1952: Im Haus 19 auf dem Gelände der Nervenklinik wird erstmals eine Abteilung für männliche Alkoholkranke eröffnet.

HINTERGRUND: Während Alkoholiker bis dahin auf geschlossenen psychiatrischen Abteilungen untergebracht sind, wird eine eigene Süchtigenabteilung eingerichtet. Hier steht nicht die Verwahrung sondern die Therapie der Alkoholkranken im Vordergrund. Die Behandlung wird medikamentös, psychotherapeutisch (Gesprächstherapie, autogenes Training, Hypnose) oder kombiniert durchgeführt werden.

Das Medikament Antabus bzw. Exhorran gilt in den 1950er Jahren als Wunderwaffe gegen die Alkoholsucht. "Es vermag im wahrsten Sinne des Wortes eine ,chemische Mauer' zwischen dem Alkohol und dem Alkoholkranken zu errichten", schreibt ein begeisterter Arzt der Nervenklinik.

"Noch vor gar nicht allzu langer Zeit war der chronische Trinker eins der hoffnungslosesten Probleme, die die Medizin kannte. Die Arzte konnten für ihn nicht viel mehr tun, als ihn wieder nüchtern zu machen und ihm zureden, das Trinken aufzugeben. Heute hat sich dieses traurige Bild geändert. Der Arzt sieht in der Trunksucht eine Krankheit, die man behandeln kann ....
Das neueste und am meisten angewendete Mittel in der medikamentösen Behandlung des chronischen Alkoholismus ist das aus Dänemark und Schweden stammende TEDE (Tetra-äthyl-thiuram-disulfit). Die gebräuchlichste Bezeichnung für dieses Präparat ist Antabus.
Der Alkoholkranke wird in der Klinik auf Antabus "eingestellt". Er nimmt an 4 aufeinander folgenden Tagen eine bestimmte Dosis ein. Dann ein Tag Pause und am 5. Tage findet die so genannte Alkoholprobe statt. Die Reaktion setzt meistens etwa 5 bis 15 Minuten nach dem Genuss von einer ganz geringen Menge Alkohol (1 Glas Bier und 1 Glas Schnaps) ein und führt zunächst zu einer Rötung des Gesichts, einem zunehmendem Wärmegefühl und starkem Herzklopfen. Trinkt der Betreffende jetzt noch ein weiteres kleines Quantum Alkohol, so stellen sich bald darauf Übelkeit, Brechreiz und schließlich Erbrechen ein, so dass es ihm unmöglich ist, weiter zu trinken (...) Im September 1952 gingen wir auf dem Gebiet der AIkoholikertherapie noch einen Schritt weiter, indem wir (...) die Hypnose bei der Behandlung der Trunksucht anwendeten. Die Hypnose ist Psychotherapie und gilt heute als eine von zahlreichen Behandlungsmethoden innerhalb der Psychotherapie."

 

Station 9: STAR #3 / Abwicklung der NS-Vergangenheit - Vom Fanatiker zum Mitläufer

STAR #3
Videoinszenierung (Closed-Circuit)

Biegt man der Ausstellungsarchitektur folgend rechts um die Ecke, "stolpert" man fast über den kleinen Schwarzweißfernseher auf dem knöchelhohen Sockel. Hier sieht man das Gesicht eines Mannes bildschirmfüllend. Das statisch anmutende Bild wandert nach unten weg und baut sich wieder von oben auf, so dass der Eindruck entsteht, es sei eine Filmschleife. Aus dem Fernseherlautsprecher ertönt Schlagermusik von 1952. Dahinter gehängt erhält man Akteneinsicht zum Fall Gerhard Buda. Vor der Akte mit den beiden Fotos steht eine Videokamera, die das Bild zum Fernseher überträgt. (Das seriell angelegte Projekt STAR hat sich in unterschiedlichen Zusammenhängen und Projekten von seit 2003 bis 2008 bereits fünf verstorbenen Personen gewidmet.)

Abwicklung der NS-Vergangenheit - Vom Fanatiker zum Mitläufer

23. Juni 1952: Gerhard Buda bekommt von der "Abwicklungsstelle des Amtes für politische Befreiung" eine Karte mit dem auf
gedruckten Text: "Es wird Ihnen mitgeteilt, dass der Präsident des Senats sie mit Wirkung vom heutigen Tage auf Vorschlag einer Senatskommission im Gnadenwege zum Mitläufer umgestuft hat."

HINTERGRUND: 1933 wird Gerhard Buda, arbeitsloser Landwirt und "alter Kämpfer" (NSDAP-Mitglied seit 1925) als Pfleger in der Bremer Nervenklinik eingestellt. Kurze Zeit später übernimmt er die Stelle des landwirtschaftlichen Verwalters. Zeitgleich eröffnet er in den Räumen des Gutshauses die Geschäftsstelle der NSDAP-Ortsgruppe Osterholz. In dieser Zeit ist Buda an der Denunziation eines Pflegers beteiligt, der wegen seiner verschwiegenen SPD-Mitgliedschaft und fortgesetzten, öffentlichen Kritik an Hitler, zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt wird. Nachdem sich herausgestellt hat, dass Buda für den Posten eines landwirtschaftlichen Verwalters völlig ungeeignet ist, erfolgt Ende 1940 seine Entlassung.
Nach Kriegsende wird Buda für drei Jahre interniert; seine ehemaligen Kollegen sagen aus, er sei ein "fanatischer Nationalsozialist" gewesen", habe Andersdenkende unterdrückt und drangsaliert. 1948 stufen ihn die Mitglieder der Entnazifizierungsbehörde in die Gruppe der "Belasteten" ein: Der Betroffene ist Belasteter (Aktivist). Es werden ihm folgende Sühnemaßnahmen auferlegt:
3 Jahre Sonderarbeit, durch Interniertenhaft verbüsst, der Haftbefehl ist aufgehoben, der Betroffene wurde aus der Interniertenhaft entlassen, ferner die Sühnemassnahmen des Art. 16 Ziffer 4 -10, der Betroffene ist dauernd unfähig ein öffentliches Amt einschI. des Notariats und der Anwaltschaft zu bekleiden, er verliert die Rechtsansprüche auf eine aus öffentlichen Mitteln zahlbare Pension oder Rente, er verliert das Wahlrecht, die Wählbarkeit und das Recht, sich irgendwie politisch zu betätigen und einer politischen Partei als Mitglied anzugehören, er darf weder Mitglied einer Gewerkschaft noch einer wirtschaftlichen oder beruflichen Vereinigung sein ... ,
es ist auf die Dauer von mindestens 5 Jahren untersagt:
a) in einem freien Beruf oder selbständig in einem Unternehmen oder gewerblichen Betrieb jeglicher Art tätig zu sein, sich daran zu beteiligen oder die Aufsicht oder Kontrolle darüber auszuüben
b) in nicht selbständiger Stellung anders als in gewöhnlicher Arbeit beschäftigt zu sein
c) als lehrer, Prediger, Redakteur, Schriftsteller oder Rundfunkkommentator tätig zu sein.
Er unterliegt Wohnungs- und Aufenthaltsbeschränkungen, er verliert alle ihm erteilten Approbationen, Konzessionen und Berechtigungen sowie das Recht, einen Kraftwagen zu halten. Vermögenseinziehung konnte nicht verhängt werden, da der Betroffene keinerlei Vermögen besitzt."
Vier Jahre danach erfolgt die Begnadigung: aus dem "Fanatiker" wird ein "Mitläufer".

(Wissenschaftliche Texte: Gerda Engelbracht, Katalog Neun Stationen - Momentaufnahmen aus der Bremer Nervenklinik im Jahre 1952, 2006, Bremen)

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