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Alles unter Kontrolle
Überlegungen zu den künstlerischen Arbeiten von Alexander Steig

"Hit me with your rhythm-stick!" Ian Dury


rat trap, Foro Artistico, Internationales Medienkunst-Forum, Hannover

I. Rahmenbedingungen
Die Kunst von Alexander Steig hat vielleicht im sterilen und hellen white cube des etablierten Kunstbetriebes nicht viel zu suchen. Denn sie liebt meist, fast ein wenig schüchtern, eher die dunklen Seite des Geschehens. Und sie akzeptiert die vom white cube - dieser ästhetische Arbeiten als Artefakte einfangenden "weißen Zelle"1 - allerorts vorgeschriebenen Grenzen, die das Leben und die Kunst fein säuberlich trennen, bewußtermaßen wirklich garnicht. Vielmehr spielt sich diese Kunst ab sowohl in den glamourösen Sphären Hollywoods wie in denen der akribischen Naturwissenschaft, sie ereignet sich in der Welt alles überwachender Kontrollsysteme und gleichzeitig in der des sportlichen Wettkampfes... Und diese Kunst findet im öffentlichen Raum - z. B. nachts Hauptbahnhof in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover2 oder in einer Gruft auf einem Friedhof3 - ebenso statt wie in Galerien oder Kunstvereinen. Aber wir werden sehen.


Fingerhakeln, 2001, Hauptbahnhof, Hannover


Über-Wachen, 1999, Stadtfriedhof Engesohde, Hannover

II. Im Blick
Betrachten wir also einmal Alexander Steigs Installation "La Cucaracha", 2001, näher. Eine, zuvor bei einer extra angesetzten Videoperformance4 vom Künstler gecastete, Kakerlake war unter einem Weinglas auf einem Resonanzboden gesetzt worden. Beleuchtet wurde dieses eindringliche Setting im Wunstorfer Kunstverein von einem Spotlight und einem Rotlicht. Zudem standen gleich neben diesem seltsamen "Versuchsaufbau" zwei Lautsprecherboxen, aus denen in ewiger Wiederkehr der wohlbekannte südamerikanische Song "La Cucaracha" erschallte. So konnte, wenn sie wollte, die auserwählte Kakerlake anfangen zu diesem Lied zu tanzen. Auf jeden Fall aber wurde die ganze Inszenierung, genauer: der visuelle Ausschnitt, der sich auf Tier und Resonanzboden konzentrierte, von einer Videokamera überwacht. Auf einem gut 10 Meter entfernt stehenden Monitor konnte der Besucher der Ausstellung dieses Bild - die Kakerlake wurde jetzt vergrößert präsentiert - in aller Ruhe begutachten. Gleichzeitig waren hier dank eines Bassverstärkers eventuelle Bewegungen des potentiellen "Eintänzers" wahrnehmbar. Schließlich konnte über Kopfhörer nochmals, diesmal von Ausstellungsgeräuschen unbehelligt, der besagte Ohrwurm "La Cucaracha" und die Schritte des Insektes angehört werden. Gnadenlose Überwachung und genüssliches Entertainment, sowie naturwissenschaftliche Recherche und voyeuristische Observation ereignen sich in dieser Installation offensichtlich im Schulterschluss, jedes dieser Momente, so erweist es sich, hat eben immer auch Überschneidungen zu den anderen.


Casting, 2001, DEKP, Hannover


La Cucaracha, 2001, Kunstverein Wunstorf

III. Video killed the reality-star
Das schriftstellerische Werk von J. G. Ballard - bekannt geworden ist dieser einem breiteren Publikum spätestens durch die Verfilmung seines Romans "Crash" von David Cronenberg anno 1996 - ist u.a. durchdrungen mit der so bedrohlichen wie animierenden Dialektik von subjektiver Unterwerfung und medialer Überwachung. Es scheint fast so, man denke nur an die weltweit erfolgreichen TV-Soaps Marke "Big Brother", als gäbe es ein Verlangen nach Überwachung. Lust und Leid jedenfalls sind Anbetrachts dieser sich wechselseitig hoch spielenden, ja sich vielleicht bedingenden Gegensätzlichkeit von fremden Blick und eigener Wahrnehmung kaum noch zu scheiden5. Vor allem in seiner Erzählung "Running wild"6 beschreibt der amerikanische Kultautor die Auswirkungen von totaler Medialität und der scheinbaren Abhängigkeit von ihr auf das Intelligenteste und mit einer zusätzlichen Drehung: Die Internalisierung der alles kontrollierenden Gleichschaltungen7 - in "Running Wild" vorgestellt als modernste Videoüberwachungen einer luxuriösen Neubausiedlung - führt in dem Roman zu einer furiosen Auslöschung der externen Welt. Die Welt als Wille und Vorstellung.


flying, 2000, Eine Deutsche Einkaufspassage, Hannover

IV. Wie im Fluge
Ein sandige Wüstenlandschaft ist scheinbar und täuschend echt auf dem Monitor zu sehen. Dazu der Schatten eines sie langsam überfliegenden Flugzeuges. Doch der quicke Blick zur Seite offenbart: es handelt sich hier, bei Alexander Steigs Installation "flying", 2000, lediglich um einen angestellten Schallplattenspieler, dessen Plattenteller vollständig mit Staub aus der Galerie bedeckt ist. Über einer ständig laufenden Videokamera hängt eine Flugzeugsilhouette aus Papier, eine Lichtquelle wirft deren Schatten auf den Plattenteller.

Die externe Welt verrät sich so als (optische) Fälschung, als eine von Menschenhand zum geschickten Täuschen erschaffene Konstruktion - ihre zweidimensionale Repräsentation dagegen gibt sich auf dem Monitor vermeintlich als wahr, als aufregend und unterhaltsam. Eine verkehrte Welt zeigt uns der Künstler in seiner Arbeit "flying", deren Regeln er nutzt und aufdeckt zugleich.

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One Spider Show, 1999, NORD/LB-Art, Hannover

V. Lust auf Macht?
Bekanntlich hat Michel Foucault - u.a. in seinem Werk "Überwachen und Strafen" - präzise den Wandel von der Disziplinar- hin zur Kontrollgesellschaft beschrieben. Dieser Wandel ist einerseits verbunden mit dem Primat des Visuellen, des "Alles-Einsehbaren" gleichsam, andererseits aber auch mit der lustspendenden Durchdringung von gesellschaftlich relevanter Macht und individuellem Körper: "Der Grund dafür, dass die Macht herrscht, dass man sie akzeptiert, liegt ganz einfach darin, dass sie nicht nur als neinsagende Gewalt auf uns lastet, sondern in Wirklichkeit die Körper durchdringt, Dinge produziert, Lust verursacht, Wissen hervorbringt, Diskurse produziert; man muss sie als ein produktives Netz auffassen, das den ganzen sozialen Körper überzieht und nicht mehr so sehr als negative Instanz, deren Funktion in der Unterdrückung besteht."8 Und damit wären wir wieder bei bereits angesprochener Unterhaltung, die uns, wie gesagt, Alexander Steigs "La Cucaracha" oder seine "One Spider Show" immer wieder bereitet9.

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Arbeitsraum (sleeping/working), 2000, Art IG, Hannover

VI. Good Night
Die von Michel Foucault behandelte alltägliche Qualität des ÜberWACHens kommt in Alexander Steigs "ausgeschlafener" Videoinszenierung "Arbeitsraum (sleeping/working), 2000, zum Tragen. In einem speziell gebauten Raum im Raum durchschlief Steig eine Nacht und filmte sich dabei. Am Fußende des Bettes stand ein Monitor auf dem der dermaßen Überwachte zu sehen war. Coole, eine beinahe exhibitionistische Selbstdarstellung und indiskrete Kontrolle gehen so Hand in Hand. Übrigens: Die Arbeit umrahmte einen Vortrag des Sozialwissenschaftlers Edgar Zakaria zum Themenkomplex des "produktiven Wertes kurzer, oberflächlicher Schlafphasen während der Arbeitszeit."

Raimar Stange

1 lese hierzu: Brian O'Doherty, In der weißen Zelle, Inside the White Cube, ed. Berlin 1996
2 Alexander Steigs dreiteilige Videoinstallation "Fingerhakeln", 2001, wurde in den drei Bogenfenstern der Bahnhofsfront gezeigt. Der im Titel benannte Kampf dauert übrigens 6:19 Minuten und endet unentschieden.
3 Wie die Videoarbeit "Über-Wachen", 1999, in der die Grabkammer eines Mausoleums gefilmt und in Echtzeit in einem darüber liegenden Raum gezeigt wurde.
4 Alexander Steig, "Casting", 2001, Videoperformance im DEKP Kunstraum, Hannover
5 So schreibt Laura Mulvey in ihrem wichtigen (feministischen) Aufsatz "Visuelle Lust und narratives Kino", ed. Stuttgart 1988, in Anlehnung an die "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" von Sigmund Freud davon, dass die Ausbildung der Sexualität des (eigenen) voyeuristischen Blickes (im Spiegel)
bedarf.
6 J.G. Ballard, Running Wild, New York 1989
7 siehe hierzu die Arbeit der amerikanischen Künstlerin Julia Scher, etwa auf ihren Web-Sites: www.scherware.com, und auf: www.insecuritybyjulia.com oder in: Women Artists, Köln 2001, S. 476 ff.
8 Michel Foucault, Dispositive der Macht, ed. Berlin 1978, S. 35
9 In Alexander Steigs Videoinstallation "rattrap", 2000, bekommt dieses Vergnügen schon sadistische Züge, konnten die Besucher hier doch live beobachten wie eine Ratte in eine extra aufgestellte und gefilmte Falle ging. Die Arbeit musste abgestellt werden. Mit seiner "One Spider Show", 1999/2000, schließlich spielt der Künstler mit Hilfe einer lebendigen Vogelspinne auf den gruseligen Unterhaltungswert des Filmklassikers "Tarantula", 1955, von Jack Arnold an.

(Katalog Alexander Steig - Videoinstallation, Gemeinde Stuhr, 2002)

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