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Von Akten und Mäusen
Zu den Videoinszenierungen von Alexander Steig im Dominikanerkloster


Eine Sitzgelegenheit, 2001, Dominikanerkloster, Frankfurt am Main

Eine Ausstellung und Vortragsreihe zum Thema ‚Büro' kann eigentlich nur an einem Ort wie dem Dominikanerkloster stattfinden. Nicht weil es Sitz des Evangelischen Regionalverbandes ist, der sich gewissermaßen qua Auftrag mit einem solchen gesellschaftsrelevanten Thema beschäftigen muss, sondern weil dieser Ort eine Aura aufweist, die in vielen anderen Büros nicht mehr existiert.

Dass sich unsere Arbeitsbedingungen rapide ändern, ist ein Allgemeinplatz und doch immer wieder schockierend. Computer und Internet revolutionieren dabei ohne Frage das Büro. Viele Tätigkeiten werden vielleicht demnächst von den Beschäftigten von zu Hause aus erledigt werden. Teurer Büroraum könnte dadurch eingespart werden. Die verbleibenden Büros der Zukunft sind wahrscheinlich Großraumbüros. Angestellte werden rollende Bürocontainer haben, die einen mobilen Einsatz ermöglichen. Solche Arbeitsscontainer sind bereits im Handel erhältlich. Die Zeit der eigenen Bürozelle mit dem persönlichen Nippes, den Postkartengrüßen der letzten Jahre, dem obligatorischen Familienbild und den vergilbten Kakteen ist wohl abgelaufen. Hier im Dominikanerkloster aber ist sie noch greifbar.

Insgesamt drei Wochen hat Alexander Steig im Dominikanerkloster verbracht, sich mit dem Ort auseinandergesetzt und seine spezifische Atmosphäre mit der Videokamera eingefangen. Vier unterschiedliche Bereiche im Haus - zwei eher öffentliche und zwei interne - hat er sich ausgesucht, hat sie aufgenommen und überträgt die Aufnahmen an anderer Stelle. Die gesamte Ausstellung erstreckt sich damit über einen großen Teil der Verwaltung. - Während des Presserundgangs wurde bemerkt, dass bei dieser Ausstellung nicht nur die einzelnen Arbeiten wichtig sind, sondern auch der Weg dazwischen, der gleichsam weitere ‚ästhetische Kostbarkeiten' einer öffentlichen Verwaltung birgt. - Die Arbeiten sind nicht nur im Dominikanerkloster entstanden, sondern sie reagieren und beziehen jeweils auf die Orte, an denen sie sich befinden, sind also als ortspezifisch zu bezeichnen.

Bereits im Foyer befindet sich, bei einer etwas versteckten Sitzgruppe, die erste Arbeit. Sie zeigt die Projektion einer anderen einsamen Sitzgruppe mit daneben stehender obligatorischer trauriger Grünpflanze. Es ist eine fast nie genutzte Sitzgruppe aus dem zweiten Stock.
Bei diesem scheinbar statischen Bild handelt es sich um eine Direktübertragung, die nach Art einer Videoüberwachung funktioniert. Das Stichwort ‚Direktübertragung' weckt Assoziationen an Realityshows, an Fernsehereignisse à la ‚Big Brother', in denen die Beteiligten ihr Innerstes nach außen kehren. Anders als dort geht es bei den Werken Alexander Steigs aber um das Unspektakuläre, vergessene oder übersehene Orte, vielleicht auch um das, was auf den Bildern nicht zu sehen ist. Ganz bewusst hat er, wie er sagt, die hier arbeitenden Menschen bei seinen Aufnahmen ausgeblendet, um sie nicht zu kompromittieren. Voyeure werden nicht auf ihre Kosten kommen.


Ein Kalendarium, 2001, Dominikanerkloster, Frankfurt am Main

Im eigentlichen Ausstellungsraum hat Alexander Steig Anfang und Ende eines Tagesablaufes im Dominikanerkloster durch zwei gegenübergestellte Monitore miteinander verklammert. So zeigt der eine Monitor das morgendliche Kommen, während der andere das Gehen am Nachmittag, Unterhaltungen, Geräusche wiedergibt, wobei man das, was sich da abspielt immer nur hört. Zu sehen ist einzig und allein das Kalendarium, auf das die Kamera gerichtet war sowie schemenhaft darauf sich widerspiegelnde Schatten der Vorbeigehenden. - Diese Arbeit folgt im übrigen als einzige einer vom Künstler bestimmten Dramaturgie und behandelt zudem einen Tag in der Vergangenheit.


Eine Aktenwand, 2001, Dominikanerkloster, Frankfurt am Main

An der Poststelle vorbei, den Gang entlang Richtung Vortragssaal, stößt man auf die dritte Arbeit. Dort hängt, wie ein Tafelbild an der Wand, ein flacher Plasmabildschirm, der ein Aktenregal zeigt. Auch hier handelt es sich bei einem scheinbar statischen Bild wieder um eine Direktübertragung. In diesem teuren ‚Bilderrahmen' nun kommt den banalen Aktenordnerrücken als Bild plötzlich eine nie gekannte Wertigkeit zu. Wer hat sich schon einmal die Aktenordner in seinem Büro so genau angesehen? Was für Geheimnisse bergen die auf dem Bild zu sehenden Ordner und in welcher Reihenfolge werden sie wohl am nächsten Tag stehen?

Alexander Steig spielt mit unserer Wahrnehmung, indem er zunächst einmal unsere Vorstellung des medialen Bildes durcheinander rüttelt. Ist das jetzt eine Direktübertragung oder ist das aufgezeichnet, ein Film oder ein Standbild, Realität oder Fiktion? Liebend gern möchte man in den Raum eindringen, in dem das Aktenregal steht und einen Ordner herausnehmen. Aber würde das dann gerade jemand unten auf dem Bildschirm sehen und bezeugen können? Wie auch immer, der Künstler zwingt uns mit einem Medium, von dem wir eigentlich eine rasche Folge von wechselnden Bildern gewohnt sind, die Permanenz der Statik auf, die es auszuhalten und auf die es sich einzulassen gilt.


Drei Tower, 2001, Dominikanerkloster, Frankfurt am Main

Im großen Vortragssaal oben im ersten Stock schließlich befindet sich die letzte Arbeit, sie zeigt einen Blick in das Herzstück dieser Verwaltung: den zentralen Rechnerraum des Rentamtes. Das endlose Summen der Rechner gibt hierbei eine recht gute Metapher für die Rhythmik des Arbeitsalltags ab. Durch die Projektion auf das Vielfache ihrer realen Größe aufgeblasen, machen die monumental wirkenden Tower ihrem Namen alle Ehre. So entsteht auf der riesigen Leinwand des Vortragssaales ein Bild, das wie geschaffen für Frankfurt zu sein scheint.
Zeigte die vorhergehende Arbeit die auf Papier festgehaltenen Zahlenreihen, gewissermaßen Ausschnitte eines erinnerten und dadurch bezähmten Datenflusses, so wird der Betrachter hier durch den Anblick der arbeitenden ‚Datenmonstren' regelrecht überwältigt. Ein Romantiker würde vom Gefühl des ‚Erhabenen' sprechen, das die Bilder auslösen.

Marcel Proust hat einmal sinngemäß gesagt, dass ein Mensch einen Raum in der Zeit ausfüllt. In dieses ‚Ausfüllen' sind die Handlungen, die Gespräche, vielleicht auch die Gedanken eines Menschen eingeschlossen. - Die Orte und Dinge, die Alexander Steig zeigt, erzählen von den Menschen, die mit ihnen umgehen, und zwar gerade, weil man diese Menschen NICHT sieht. "Alexander Steig zeigt ein Kalendarium, eine Sitzgelegenheit, eine Aktenwand und drei Tower", lautet prosaisch der Titel der Ausstellung, und die Arbeiten zeigen in der Tat nichts weiter.

Ich erinnere mich an meine zweite Begegnung mit einer Arbeit von Alexander Steig. Das war vor etwa zwei Jahren auf einem Friedhof in Hannover, der als Ort eines ungewöhnlichen Ausstellungsprojektes genutzt wurde. Dort befand sich ein entwidmetes Mausoleum, in das der Besucher hineingehen konnte. Im Innern hatte der Künstler einen Monitor installiert, auf dem das Bild eines kellerartigen leeren Gewölbes zu sehen war. Ein Zettel informierte die Besucher, dass es sich um eine Direktübertragung aus der Gruft handelte, die sich unter der Kapelle befand. Die Grabkammer war leer und es gab effektiv nicht einmal eine Maus zu sehen. Aber ich erinnere mich, dass sich in meinem Kopf eine ganze Menge an Geschichten entspannen.
In dieser Struktur der Bilder, die nichts verbergen und hinter denen es daher umso mehr zu entdecken gibt, liegt für mich die Poesie der Werke von Alexander Steig.

Christian Kaufmann

(Katalog Alexander Steig zeigt ein Kalendariun, eine Sitzgelegenheit, eine Aktenwand und drei Tower, >auswärts< Kunstraum und Evangelische Stadtakademie Frankfurt, 2001)

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