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VISUS VISERE
Annäherungen an die Medialität von Kontrolle und Überwachung im Werk von Alexander Steig

VISUS VISERE (lat.)= etwa: Die verschiedenen Ansichten betrachten; die (Ab-) Bilder genau besehen; die (An-)Blicke (visuell) erkennen. Ferner VISUS (med.) = Sehschärfe, Ausmaß der Fähigkeit, mit dem Sehorgan die Außenwelt wahrzunehmen.

Die dreiteilige Videoinszenierung VISUS VISERE, die Alexander Steig für den Kunstraum München konzipiert hat, ist das Resultat seiner kontinuierlichen und langjährigen Auseinandersetzung mit dem Medium Video. Ausgebildet als Bildhauer und Maler bezieht der Künstler seit Mitte der 1990er Jahre die Neuen Medien in seine Arbeitsweise mit ein, die auf einer intensiven Beschäftigung mit den vorgefundenen räumlichen Gegebenheiten und den Diskursen von Bild und Abbild beruht.

Fragestellungen zur medialen Kontrolle tauchen bereits seit 1998 in seinen Arbeiten auf. Der Videoarbeit VISUS VISERE vorausgehende Versuchsanordnungen wie beispielsweise FERNSEHZIMMER (DOPPELT) für die Produzentengalerie Herold in Bremen oder RES PUBLICA PUBLICO EST für den Kunstverein Trier, formulieren mediale Anordnungen, die zum einen auf die Spezifik der Räume eingehen, zum anderen Fragestellungen des Intimitäts- und Kontrollverlustes im Spannungsfeld von Freiwilligkeit und Zwang aufgreifen. Generell betonen die Video-Installationen Alexander Steigs, die mehrheitlich das Closed Circuit-Verfahren einbeziehen, durch die Verwendung meist mehrerer Monitore oder Videoprojektionen auch das skulpturale, installative Moment.


RES PUBLICA PUBLICO EST, 2011, 2teilige interaktive Videoinszenierung/mediale Anordnung, Kunstverein Trier

Der Fokus bei der VISUS VISERE liegt ebenfalls auf dem Closed Circuit-Verfahren. Eine solche Anordnung setzt eine geschlossene Abbildungssituation voraus, bei der das Aufnahmemedium (die Kamera) direkt mit dem Abbildungsmedium (zum Beispiel einem Monitor) verbunden ist. Ein Objekt oder eine Person wird dabei seinem eigenen Abbild gegenübergestellt. Der Betrachter macht dabei die Erfahrung der Synchronität seiner Handlung mit deren Abbildung. Im Unterschied zur Videoskulptur ist damit für Closed Circuit-Installationen die Anwesenheit der Besucher notwendiges Kriterium, damit das Feedback, z.B. als zeitverzögerte Live-Übertragung des eigenen Abbilds, wahrnehmbar wird. Der Besucher ist dabei ebenso Akteur wie Zuschauer. Er befindet sich nur nicht mehr innerhalb einer aktuellen Situation, die er als Gegenwart empfindet, oder in deren zeitversetzter Wiedergabe, sondern auch in einer medial erweiterten Realität.


VISUS VISERE, Kunsraum München (EG), 2011

Es ist diese besondere Eigenschaft des Mediums, die sofortige Verfügbarkeit der Videobilder und ihre gleichzeitige Manipulationsmöglichkeit durch Verzögerung oder räumlich getrennte Wiedergabe, die Alexander Steig auslotet. Mit dem Einsatz des Closed Circuit-Verfahrens können Situationen für Wahrnehmungserfahrungen zwischen architektonischem und medialem Raum erzeugt werden, die sich dann durch die Anwesenheit des Betrachters aktualisieren. Ähnliche Erfahrungen macht auch der Ausstellungsbesucher bei VISUS VISERE. Er betritt zunächst einen beinahe leeren, durch Neonlicht erleuchteten Raum, in dem sich lediglich ein Stuhl mit einem Tisch befindet. Auf dem Tisch steht ein Überwachungsmonitor, dessen Bildschirm in schwarzweiß ein identisches Szenario mit Tisch, Monitor und Stuhl zeigt. Es bleibt unklar, woher das Bild kommt, die Situation erinnert aber an Videoüberwachung: Eine Kamera scheint diesen Raum auf den Monitor, vor dem man sich befindet, zu übertragen. Auf dem im Bild wiedergegebenen Monitor erblickt man sich jedoch selbst. Man kann also in erster Bilddistanz die eigene Abwesenheit feststellen, geht man doch normalerweise davon aus, dass man fokussiert und wiedergegeben wird. Dies führt zu Irritation beim Betrachter, da die Kenntnisse um das Kontrollmedium ad absurdum geführt werden: Der leere Platz der Überwachung im Bild fordert eigentlich einen potenziellen Überwacher auch der „Gegenseite“ ein, der aber nicht erscheint.


VISUS VISERE, Kunsraum München (EG und OG), 2011

Im zweiten Raum, ebenso nüchtern gehalten und auf das Wesentliche beschränkt, ist eine Art Vortragssituation aufgebaut, dessen Bestuhlung auf eine Projektionswand ausgerichtet ist. Darauf zu sehen ist das (vertraute) Szenario mit Tisch, Monitor und Stuhl. Es scheint sich hierbei um die Videoübertragung aus dem vorigen Raum zu handeln. Man sieht das Bild des Monitors im Monitor oder auch die Personen, die sich gerade dort im Raum bzw. im Bild befinden und auf den Monitor schauen. Der Betrachter ist mit einer Überwachungs- und Beobachtungssituation konfrontiert, die verschiedene Instanzen des Betrachtens anbietet, in der man selbst unfreiwillig oder wahlweise zum betrachtenden Subjekt oder betrachteten Objekt wechselt. Wird im ersten Raum vor dem Monitor noch eine intime Zweierkonstellation vermutet, zeigt sich im Auditorium, dass eine Öffentlichkeit dieser Intimität beiwohnen kann. Es ist dies der subtile Verweis auf den exhibitionistischen Ansatz der digitalen Medien, der sozialen Plattformen und ihrer Nutzer, aber auch ein Verweis auf Wiki-Leaks, dass das Verborgene immer Wege in die Öffentlichkeit finden kann.

Bei einer Closed Circuit-Installation besteht eine Gleichzeitigkeit des Zeigens und Aufnehmens, des Innen und Außen. Die Installation erzeugt eine Spannung zwischen einem Sinn, der von der konkreten Arbeit ablösbar scheint – Überwachung, Kontrolle - und der Materialität, an die der Sinn zurückgebunden bleibt. Unter Materialität sind alle eingesetzten Komponenten zu verstehen, also die Aufbauten und ihr Material, die Closed Circuit-Technik usw. Zum „Stil“ der Arbeiten gehört, dass sie ihre materielle Seite nicht nur offenlegen, sondern oft mit nur minimalen Eingriffen erzeugt erscheinen. Die Erfahrung, die wir machen, soll buchstäblich unter unseren Augen entstehen. So gleicht auch die Beziehung zwischen der spezifischen, unmittelbar ans Werk gebundenen Erfahrung und dem davon ablösbaren Sinn einer Closed Circuit-Schleife, die lediglich immer wieder durchlaufen werden kann. Das Kunstwerk gibt uns allerdings die Chance, dies sozusagen gerahmt wahrzunehmen. Man wird von den Räumen angezogen, tritt in sie ein, geht durch sie hindurch und verlässt sie schließlich wieder. Das bedeutet, man kann Vor- und Rückschau halten auf eine räumlich und zeitlich eingegrenzte Situation. Die Installationen sollen als modellhafte Welten, als Situationen des Als-ob kenntlich werden.

Das Medium der Closed Circuit-Videoinstallation ist in der Kunstgeschichte spätestens seit den frühen 1970er Jahren durch Künstler wie Nam June Paik (TV Buddha, 1974), Dan Graham (Time Delay Room 1, 1974) oder Bruce Naumann präsent, die den Fragen nach der Beschaffenheit der Wirklichkeit und der eigenen Identität nachgehen. Etwa zur selben Zeit finden sich Closed Circuit-Installationen aber zunehmend auch im Alltag in Form von Überwachungskameras: in Kaufhäusern, Banken, U-Bahnen etc. Die öffentliche und private Sphäre unterliegt dabei immer mehr der Kontrolle und suggeriert durch die Überwachung trügerische Sicherheit, infiltriert aber zugleich die Privatsphäre. Auch bei VISUS VISERE fühlt der Betrachter sich in einem Beobachtungsstadium gefangen, in dem die Selbstbeobachtung einer äußerlich sichtbaren Kontrollinstanz unterworfen wird. Auf diese Weise erlebt man sich als Teil einer sozialen Gruppe von beobachteten Beobachtern.

Der Bereich „Überwachung und Kontrolle“ thematisiert eine Dimension von Medien, die spätestens seit den Enthüllungen der Praktiken der National Security Agency (NSA) und ihrer Partner zentrale gesellschaftliche und politische Relevanz erlangt hat. Nicht nur in den sozialwissenschaftlichen Surveillance Studies, auch in der Medien- und Kulturwissenschaft wird Überwachung seit Jahren thematisiert.[1] Überwachung und Kontrolle lassen sich dabei als produktive Machttechnik beschreiben. In der Vergangenheit wurde dies meist unter Bezug auf Michel Foucault problematisiert. Gilles Deleuze hat demgegenüber bereits 1990 eine differente Perspektive auf gesellschaftliche Strukturen entwickelt. Deleuze beschreibt, wie an die Seite der von Foucault analysierten „Disziplinargesellschaft“, deren Sinnbild Fabrik, Schule und Gefängnis waren und die wesentlich im Modus der Einschließung operierte, in der Gegenwart neue und differente Formen gesellschaftlich wirksamer Macht treten. Für diese Formen, so Deleuze, werden Techniken der Kontrolle, die im Zeichen der permanenten Anpassung stehen, bestimmend.[2]

Das Thema Kontrolle und Überwachung beschäftigt Alexander Steig immer wieder in seinen den Installationen zugrundeliegenden Beobachtungs- bzw. Betrachtungssituationen, als ob sie sich in ihrer Wirkung nicht theoretisch befriedigend erschließen lassen, sondern erst in einer sich wiederholenden Annäherung an eine modellhafte Versuchsanordnung. Jede Realisation zieht dabei in ihrer Komplexität bestimmte Modifikationen für das nächste Projekt nach sich.

Alexander Steig verbindet dies in seiner künstlerischen Arbeit mit Fragestellungen des gewollten und ungewollten Intimitätsverlustes Grundlegend dabei ist sei die historisch schon länger festzustellende Tatsache, dass sich Überwachung beständig zwischen den Polen "Kontrolle" und "Fürsorge" bewegt. Eine Analyse und Beurteilung von Überwachung und Kontrollregimes hängt davon ab, ob sich neue Technologien und Strategien eher dem einen oder dem anderen Pol zuordnen lassen, wie Nils Zuraswski feststellt[3]. Bestimmend für die medialen Anordnungen ist deshalb vermehrt auch ein Bedürfnis, Ansätze und Erkenntnisse unterschiedlicher Perspektiven zum Thema Kontrolle und Überwachung auch in der Dialektik von Schutz und (Für-)Sorge seitens der Überwachenden sowie die „Rolle“ der Überwachten zur Diskussion zu stellen.

[1] Als ein Gründungsdokument der Surveillance Studies gilt James B. Rule: Private Lives and Public Surveillance: Social Control in the Computer Age, New York 1974. Zum Selbstverständnis der Surveillance Studies als interdiziplinäres Forschungsfeld vgl. Nils Zurawski (Hg.): Surveillance Studies. Perspektiven eines Forschungsfeldes, Opladen 2007, sowie das Online-Journal Surveillance and Society, vgl.www.surveillance-and society.org.
[2] Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt / M. 1976. Gilles Deleuze: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, in: ders.: Unterhandlungen 1972 –1990, Frankfurt / M. 2004, 254-262.
[3] Nils Zurawski: Surveillance Studies. Forschungsperspektiven zu Kontrolle und Überwachung, aus: Forum Wissenschaft, Bd. 2/2006, Marburg

Patricia Drück

(Text aus: Alexander Steig - VISUS VISERE, München, 2017 )

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